Leihmutterschaft – Gibt es ein Recht auf ein Kind? Kinder sind eine Gabe Gottes!
Pastorin Anne Oberkampf, Evangelisch-methodistische Kirche, Predigt vom 23. August 2026 in Sindelfingen
Verrückt dieser Tag, an dem das erste Mal der Schwangerschaftstest „Ja“ sagt. Für viele junge (und ältere) Paare ist das ein Tag, den sie nie vergessen. Denn immer noch gehört zum Lebenskonzept der allermeisten Menschen, auch eine Familie mit eigenen Kindern zu gründen. Das ist wie zu biblischen Zeiten auch: Kinder geben Zukunft, sie geben dem Leben Schwung, Kinder sind ein Teil der Familienlinie, die ich gerne weiterführen möchte. Nicht umsonst werden die Geschichten in den ersten Bücher Mose als Familiengeschichten erzählt: Adam und Eva, Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka, später dann Jakob mit seinen beiden Frauen.
Was aber, wenn sich der Test widerspenstig zeigt und nie die erwünschten Balken anzeigt? Was, wenn zwei Männer oder zwei Frauen zusammenleben und auf biologischem Weg keine Kinder bekommen können? Was, wenn die Fruchtbarkeit mit den Jahren schon so abgenommen hat, dass es nichts mehr wird auf natürlichem Weg? (Es ist erwiesen, dass sich die Fruchtbarkeit von Frauen zwischen 35 und 49 Jahren in den letzten 3 Jahrzehnten halbiert hat!)
Und der Wunsch nach einem Kind bleibt und immer stärker wird…
Der Fall von Jens Spahn und seinem Mann, die vor einigen Wochen ein Kind präsentierten, das von einer Leihmutter in Amerika geboren wurde, hat Furore gemacht. Zum einen, weil Jens Spahn sich in Deutschland gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft ausgesprochen hatte. Man wirft ihm zu Recht Doppelmoral vor. Zum anderen aber, weil auch diese Frage, ob Leihmutterschaft auch in Deutschland erlaubt sein sollte, seither heiß diskutiert wird.
Das ist eine ethische Frage, ob es erlaubt sein sollte, dass eine Frau gegen Geld das Kind von anderen, das meistens ja sogar genetisch das der empfangenden Eltern ist, austragen dürften sollte. Das ist eine Frage, die durchaus die Kirchen angeht und herausfordert. – Kirche sollte sich nicht gegen alles Neue sträuben. Aber sie sollte das, was gemacht wird, auch kritisch begleiten.
Kinder sind nach der Bibel ein Segen von Gott. Sie sind eine Gabe Gottes für eine Familie oder ein Volk (Psalm 127). Die ersten Kapitel der Bibel sprechen ein beredtes Zeugnis davon. Neben einem guten Land wird Abraham auch ein Nachkomme versprochen. Und zwar ein leiblicher! Und als Isaak geboren wurde war die Freude groß! Grad bei Abraham und Sarah lernen wir aber auch, wie unverfügbar ein neues Leben ist – grad im höheren Alter. Nachdem es nicht so recht klappt, nimmt Abraham die Sache nämlich selbst in die Hand. Vielleicht würde es auch ein Adoptivsohn tun – und er setzte seinen besten Knecht ein zum Nachfolger. Und als Gott widersprach, bekommt er einfach auf natürlichem Wege ein Kind mit Hagar, der Magd seiner Frau. Sie war – könnten wir heute sagen – eine Leihmutter. Die Eizelle der Hagar, der Samen des Vaters Abraham, rechtlich aber das Kind der Sarah.
Wir wissen, wie diese Geschichte ausging. Sie scheitern alle miteinander. Weder Leihmutter noch rechtliche Mutter kamen mit der Situation zurecht. Zweimal wird Hagar weggeschickt, einmal als Schwangere, einmal mit dem Kind. Beim zweiten Mal kommt sie nicht zurück. Aber wir lernen: Gott kümmert sich auch um dieses Kind. Gott liebt alle Kinder, auch die einer Leihmutter! Und er liebt und kümmert sich um diese „benutzte“ Mutter.
Aber die alttestamentliche Geschichte von Abram will unmissverständlich sagen: Pfuscht Gott nicht ins Handwerk! Wenn er den Wunscheltern ein leibliches Kind schenken möchte, dann tut er es auch - auf seine wunderbare Weise.
Also: Kinder sind ein Geschenk Gottes. Ein Segen Gottes. Unverfügbares. Ein ganz besonderer Schatz: Neues Leben.
Liebe Geschwister, wir sollten den Wunsch nach einem (eigenen) Kind nicht unterschätzen. Es gibt neben Sara noch einige andere unfruchtbare Frauen in der Bibel, die unter Kinderlosigkeit litten: Rahel in den frühen Jahren und die Mutter vom Propheten Samuel z.B. Auch heute ist es für viele Frauen und Männer der Gedanke unerträglich, keine leiblichen Kinder zu bekommen. Nun ist die Situation ein bisschen anders geworden in den modernen Zeiten.
Erstens hat sich die Reproduktionstechnik unglaublich entwickelt in den letzten Jahrzehnten. Heute können munter Eizellen entnommen werden – auch wenn die hormonell angeregte Prozedur für die Frauen sehr fordernd ist. Es können Eizellen außerhalb des Leibes befruchtet (in-vitro) und auch für später eingefroren werden. Sie können wieder eingesetzt werden, auch in eine beliebige andere Frau. Liebe Geschwister, das ist ein richtiger Markt geworden, hier fließt viel, viel Geld, und jeder von uns kennt wahrscheinlich jemanden, die auf diese Weise ein Kind bekommen hat. Und – um auf unser Thema zurück zu kommen - auch der Markt mit Leihmüttern ist gar nicht so wenig lukrativ. In der Ukraine oder USA.
Zweitens: Das Mindset der Menschen hat sich stark verändert und unser gesellschaftlicher Konsens, was erlaubt sein sollte und auch was von den Kassen bezahlt werden sollte. Wir wollen heute, dass jeder sich in seinem Leben so entfalten kann, wie er es wünscht. Und das macht auch vor der Baby-Frage nicht Halt. Auch Frauen oder Männer ohne Partner:in wollen sich heute ein Kind „leisten“. Oder eben homosexuelle Paare. Mediziner selektieren ungeniert, welche der befruchteten Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden kann, weil ein behindertes Kind nicht zur Selbstentfaltung des empfangenden Paares passt. Und wo es in Deutschland keinen legalen Weg gibt, bringen die Wunscheltern ihr Geld eben in andere Länder und erhalten dann ihr Wunschkind. So geschehen bei Jens Spahn. Und auch das finden die meisten Menschen gar nicht mehr so problematisch. - Jeder Wunsch eines Menschen soll erfüllt werden – so das Credo der Neuzeit. Wenn es die technischen Möglichkeiten gibt und jemand bezahlt - warum also nicht ein bisschen Gott spielen?
Dabei, liebe Gemeinde, gibt es kein Recht auf ein Kind. Es gibt ein Recht auf Fortpflanzung: Der Staat darf niemandem verbieten, eine Familie zu gründen. Das hat man gelernt aus dem Kastrationszwang durch totalitäre Regime. Das ist ein Recht, das eine Gängelung abwehrt, auch die Fortpflanzungsmedizin gehört zu diesem Bereich. Das Paar darf sich in einer Kinderwunschklinik Hilfe suchen, um so zu einem Kind zu kommen. Aber es gibt keinen Verschaffungsanspruch, dass also der Staat alle Hindernisse überwinden müsste, um Menschen den Kinderwunsch zu erfüllen. Er muss also nicht Leihmutterschaft erlauben, nur weil manche es wollen. Und die Argumentation gegen eine Freigabe der Leihmutterschaft ist der Schutz von Dritten: Die potentielle Leihmutter muss geschützt werden und ebenso auch das Kind selbst.
Viele allerdings sind heute mit diesen Einschränkungen nicht mehr einverstanden.
Ich kann den großen Schmerz, den Eltern haben, wenn der Test immer negativ bleibt, verstehen. Auch zu meinem Leben gehörten immer Kinder dazu. Und ich bin dankbar, dass ich zwei bekommen konnte und sie „habe“. Ich glaube auch nicht, dass Homosexuelle nicht grundsätzlich ganz tolle Eltern sein können. Oder auch Ein-Eltern-Familien (wie es dann heißt).
Aber ich glaube, dass in der ganzen Diskussion etwas zu kurz kommt: Es darf nicht ausschließlich um die Wünsche der Eltern gehen, sondern in erster Linie um die Frage des Kindes selbst und um die Situation der Leihmutter.
Kinder gegen Geld – was sollen später die Kinder denken?
Das ist schon eine spannende Frage, was die Kinder selbst über ihre Herkunft denken, wenn sie es erfahren. Aus der Adoptionsforschung wissen wir, dass es für Menschen wichtig ist zu wissen, wer seine Eltern sind. Und das wird ja in diesem Leihmutter-Konstrukt völlig verwässert. Da gibt es eine Mutter, die die Eizelle spendete, dann eine Mutter, die ihre Gebärmutter zur Verfügung gestellt hat. Und dann eine Mutter (oder zwei oder zwei Väter), bei denen das Kind aufwächst. Nichts mehr mit klarer Familie: Vater, Mutter, Kind. Biologisch, sozial, alles.
Das ist aber etwas anderes als bei Kindern, die aus Liebe entstanden sind, weil ein Ehepaar ihre Liebe weitergeben wollte und zur Familie werden.
Stattdessen wird ein Kind designt, bestimmt, ausgetragen, und das „Endprodukt“ gekauft. Das kann man nicht anders sagen. Nur dass das „Produkt“ eben ein neues Leben ist.
Und es wird gekauft, weil es ganz bestimmten Qualitätsstandards genügen muss. Es muss die Gene des Paares haben, es muss auf jeden Fall gesund sein, auch nur ein Einzelkind. Was wenn das Kind den hohen Ansprüchen nicht genügen kann?
Ein Kind ist eine Gabe Gottes. Mit keinem Geld der Welt sollte man ein Kind kaufen können, denn Kinder sind unverfügbar. Sie entstehen aus Gottes Willen. Wie heißt es in diesem schönen Lied? „Vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von dir.“ Kinder entstehen aus der Liebe zweier Menschen zueinander, sie sind neues Leben. Und auch wenn sie es nicht sind, sondern in ganz anderen Umständen entstanden, halten wir daran fest. Jeder ein ganz eigener, neuer Mensch, von Gott gewollt, gerufen, gebildet. Kein Designerobjekt.
Bei meinem Sohn gab es keine Qualitätsprüfung. Er kam einfach. Zu seiner und Gottes Zeit (für uns als Eltern etwas zu früh). Kostenlos. Und er war wie er war. Erstaunlich. Und wir als Eltern haben den nötigen Respekt, das Kind als etwas Eigenständiges zu behandeln. Er ist nicht designed – außer von Gott. Und ich weiß: Er gehört nicht mir, ich habe ihn nicht gekauft. Ich weiß: Wir haben ihn nur auf Zeit, denn er gehört nicht mir, sondern sich selbst und Gott.
Kinder gegen Geld – ist für mich ein Widerspruch in sich selbst. Das darf nicht sein.
Kann man Mütter „leihen“?
Eine Schwangerschaft ist ein großer Eingriff in den Körper der Frau, der auch späte gesundheitliche Folgen hat. Eine Geburt ist immer auch ein Risiko. Der Körper einer Leihmutter wird mit Medikamenten etc. behandelt, obwohl das für sie nicht nötig wäre. Sie muss nach der Geburt mit Folgen leben, die ihrem Körper schaden, z.B. kann sie das Kind nicht stillen und muss plötzlich mit der Leere leben wie Eltern, deren Kind tot geboren wurde. Sie trägt die – manchmal auch lebenslangen - Folgen der Schwangerschaft und Geburt.
Verträge regeln ganz genau, was die Mutter in der Zeit der Schwangerschaft machen darf und was nicht. Sie regeln, ob ein Zwilling im Mutterleib getötet werden darf und ob oder dass abgetrieben wird bei Behinderungen. Sie regeln die Herausgabe des Kindes (wäre in Deutschland nicht so möglich!). Der Körper der Frau ist völlig fremdbestimmt in der Zeit der Schwangerschaft. Das verstößt gegen die Selbstbestimmung und gegen die Würde der Frau.
Ihr Körper, eigentlich ja nur ihre Gebärmutter, wird benutzt für den Willen anderer Menschen. Und je weniger sich die Schwangere einmischt, je berechenbarer sie ist, desto besser.
Man könnte sagen: Die Frauen stimmen ja zu, auch das ist Selbstbestimmung! Aber bedenken wir, dass meist das soziale Gefälle sehr hoch und auch ungerecht ist. Die meisten Leihmütter brauchen einfach das Geld. Sie kennen sich wenig aus mit Verträgen und werden oft auch bewusst schlecht informiert. Man sollte Mütter nicht leihen können. Nicht in Deutschland und auch sonst nirgends.
Gibt's keine anderen Möglichkeiten, mit einem Kind zu leben?
Doch. Wir haben vorhin schon gesprochen über Künstliche Befruchtung. Hier bringt die Familie – die Mutter – den körperlichen Einsatz selbst, trägt das Risiko und bleibt verantwortlich in allen Entscheidungen. Und natürlich kostet es auch etwas. Aber: Über in-vitro wird einem Paar geholfen, das eigene Kind zu bekommen.
Und ein zweites: einige aus unseren Gemeinden haben sich über ihrem Schmerz der Kinderlosigkeit Kindern zugewandt, die schon auf der Welt waren. Adoption ist heutzutage auch möglich für homosexuelle Familien. Was spricht dagegen? Das genetische Material. Denn bei Adoptionen gibt's keine „Bestellungen“. Ich kann eben nicht alles bestimmen, wie das Kind sein soll. Aber vielleicht sind diese Eltern auf ganz andere Weise auf Gottes Weg, indem sie in den Kindern Jesu aufnehmen.
Wer Kinder haben möchte, braucht keine Leihmutter. Er oder sie kann sich mit der Möglichkeit der Adoption auseinandersetzen und einem Kind eine Chance geben, die es ohne sie nicht hätte.
Wo ist die Grenze zum verbotenen Kinderhandel?
Das ist die Frage, die die deutsche Rechtsprechung noch hält: Wo ist die Grenze zum verbotenen Kinderhandel, wenn ich quasi einen Säugling kaufen kann? In der Ukraine bezahlen sie – hab ich gelesen – dafür 50.000, in den USA 175.000 Euro. Das meiste davon bleibt allerdings bei Agenturen hängen, die die Vermittlung, Verträge und formale Abwicklung übernehmen, und in den Kliniken und bei Ärzten.
Was geschieht mit Kindern, die den Ansprüchen nicht genügen? Was passiert, wenn etwas in der Schwangerschaft schiefgeht: wer haftet? Was geschieht, wenn die neuen Eltern aus irgend einem Grund das Kind nicht mehr wollen? Wir erinnern uns auch an Berichte aus der Coronazeit von ukrainischen Kindern, die nicht abgeholt werden konnten.
Menschen, auch Kinder, sollten einfach nicht zum Handelsprodukt werden. Das steht gegen jeglichen Schutz von Kindern.
Nun habe ich versucht, das Feld ein bisschen dazustellen und zu bewerten. Es kann keinen Anspruch des Individuums auf ein eigenes Kind geben. Nicht moralisch-ethisch. Kinder zu bekommen ist eine Gabe, ein Geschenk. Und das ist für manche Menschen bitter. Wie es für Menschen bitter ist, die keinen Partner finden oder die von Anfang ihres Lebens an eingeschränkt sind oder die auf der falschen Seite der Welt geboren wurden. Nicht jeder persönliche Wunsch kann im Leben erfüllt werden. Hier müssen wir dem modernen Zeitgeist deutlich widersprechen. Unser Wille, alles machen zu können – sei es mit der Brechstange wie bei Spahn – führt uns in eine Haltung, die sich gegen Gott wendet …
Ich weiß, das ist ein Thema, über das man lange sprechen könnte.
Noch heikler wird es ja immer, wenn man jemanden persönlich kennt, der/die betroffen ist.
Eine Sache habe ich noch gefunden: Einen Instagram-Kanal einer Frau in Amerika, die schilderte, wie sie als „surogate“ das Kind einer befreundeten Familie austrug. Das könnte unter die Kategorie „Mitleiden mit den kinderlosen Wunscheltern“ fallen und hat mich irgendwie fasziniert. Ich weiß nicht, ob sie vorher schon befreundet waren, oder durch die Leihmutterschaft zueinander fanden. Ich habe keine Ahnung, wessen Erbgut das Kind trägt, ich habe keine Ahnung, ob Geld geflossen ist.
Aber die beiden Familien waren so eine Einheit, dass ich es total rührend fand. In der Schwangerschaft gab es gemeinsame Aktionen, die abgebende Mutter schildert ihre Trauer, ohne Kind vom Krankenhaus heimzugehen. Die Muttermilch gibt sie an eine Klinik weiter. Und dann: Sie feiern Geburtstage des Kindes miteinander. Diese Geschichte erzählt, wie zwei Familien sich ihr gegenseitiges Glück gönnen. Es hat mir gefallen, dass hier Beziehung entstand und auch weiter besteht.
Hätte das ein Modell sein können für Hagar und Sarah? Oder für Jens Spahn? Nicht nur „Kind her und ich bin weg“. Definitiv war es ein Modell für Maria, die ja auf ihre Art selbst „Leihmutter“ wurde für das Kind Gottes. Aber Josef war immer mit dabei – und der Heilige Geist, der Vater – auch. Dauerhaft.
Amen.